„Paracelsus – Ein Innovator?
Überlegungen zur wissenschafts- und theologiegeschichtlichen Stellung Hohenheims“.
Der Paracelsustag fand 2008 am 25. Oktober, und damit etwas später als sonst üblich, statt. Tagungsort war wieder die Kleine Aula der Universität Salzburg (Bibliotheksaula), die einen ebenso vertrauten wie angenehmen Rahmen bot. Auf dem Programm standen insgesamt fünf Vorträge und am Abend in alter Tradition die Gedenkworte am Grab des Paracelsus im Friedhof von St. Sebastian. Prof. Joachim Telle (Heidelberg) hatte nicht nur an der Vorbereitung der Tagung mitgewirkt, sondern auch zwei seiner Schüler als Vortragende empfohlen. Dazu kamen mit Prof. Dr. Peter Dilg (Marburg) und Univ. Doz. Dr. Urs F. A. Heim (Bern) zwei Wissenschafter, die sich seit langem mit Paracelsus beschäftigen. Einen abschließenden Vortrag hatte der Präsident übernommen, damit im Falle der Erkrankung eines Vortragenden ein volles Programm gewährleistet war.
Der Präsident gab im Anschluss an die Begrüßung einen kurzen Überblick über die Aktivitäten der Gesellschaft im vergangenen Jahr und begrüßte besonders die Vertreter der befreundeten Gesellschaften, der Schweizerischen Paracelsus-Gesellschaft und der Deutschen Bombastus-Gesellschaft Dresden sowie Herrn Prof. Georgios Papadopoulos aus Athen, der auch diesmal wieder die weite Reise nach Salzburg auf sich genommen hatte. Für Frau SR Dr. Friederike Prodinger, die am 31. Juli 2008 im Alter von 95 Jahren verstorben war und viele Jahre lang aktiv im Vorstand der IPG mitgearbeitet hatte, wurde eine Trauerminute abgehalten.
Außerdem gab der Präsident bekannt, dass der Vorstand der IPG beschlossen hatte, Herrn Prof. Dr. Joachim Telle (Heidelberg) zum Ehrenmitglied der IPG zu ernennen. Damit verband er Glückwünsche an den Geehrten. Prof. Dr. Peter Dilg (Marburg), der langjährige Leiter des Instituts für Geschichte der
Pharmazie in Marburg, befasste sich zum Auftakt der Tagung mit der Frage, ob Paracelsus ein Humanist war. Obwohl der Hohenheimer Kontakte zu bedeutenden Humanisten unterhielt und auch der Name Paracelsus einen typischen Humanistennamen darstellte, kann man den Hohenheimer sicher nicht als Humanisten bezeichnen. Er selbst hätte das wohl abgelehnt, da er stets bestrebt war, seinen eigenen individuellen Weg zu gehen und nicht einer Schule oder einer bestimmten Tradition zu folgen.
Nach einer anregenden Diskussion, die auf den Beitrag von Prof. Dilg folgte, wandte sich Katharina Dück aus Neustadt an der Weinstraße der Frage zu, ob in den prima-materia- Lehren des Paracelsus Innovatorisches zu finden sei. Sie bemühte sich vor allem um die Bedeutung, die bei Paracelsus der prima materia zukam, da sich der Hohenheimer auch in diesem Punkt deutlich von den sonst üblichen Definitionen abhob. Die Referentin kam schließlich zur Überzeugung, dass in jenen Schriften, in denen sich Paracelsus mit der Lehre von der prima materia befasst, durchaus neue Ansätze zu finden sind.
Nach der Mittagspause befasste sich Mag. Marco Jammermann (Frankfurt am Main) mit den Imaginationslehren des Paracelsus. Auch in diesem Fall war es schwierig, zunächst die Frage zu klären, was der Begriff der imaginatio bei Paracelsus bedeutet. Sobald die erforderliche Definition gegeben war, zeigte sich auch in diesem Fall, dass der Hohenheimer eigenständige und durchaus neue Wege beschritt.
Herr Doz. Dr. Urs F. A. Heim hatte ein Jahr zuvor in den Nova Acta Paracelsica 20/21 einen umfangreichen Beitrag über die große Wundartzney des Paracelsus und die Chirurgie seiner Zeit veröffentlicht. Trotz seines fortgeschrittenen Alters leistete er der Einladung der IPG Folge, um sich mit der Frage „Innovatorisches in der Wundmedizin des Paracelsus?“ auseinander zusetzen. Es war besonders wichtig, dass zu diesem Thema ein Wissenschafter sprach, der selbst über die entsprechende praktische Erfahrung verfügte. Im Anschluss an den Vortrag entspann sich jedenfalls eine Diskussion darüber, ob Paracelsus im Bereich der Wundmedizin wirklich neue Methoden der Diagnose und Behandlung eingeführt habe und wie stark diese Neuerungen auf spätere Generationen eingewirkt hätten.
Die Stellungnahmen zum Vortrag von Doz. Heim fielen derart intensiv aus, dass der letzte Vortrag erst mit Verspätung beginnen konnte. Der Präsident der IPG ging als Historiker der Frage nach, ob Paracelsus auch als Geschichtsschreiber ein Innovator war. Auf diesem Gebiet hat sich der Hohenheimer nur einmal betätigt, als er eine kurze Kärntner Chronik verfasste, die in vielen Bereich auf älteren Darstellungen, vor allem von Michael Gothard Christalnick, beruhte.
Größeren Tiefgang besitzt diese Chronik vor allem dort, wo Paracelsus auf das Kärntner Montanwesen zu sprechen kommt und seine intimen Kenntnisse in diesem Bereich unter Beweis stellt. Nicht umsonst wurde die „Kärntner Chronik“ des Paracelsus, die er selbst nur als kleine Gelegenheitsarbeit betrachtete, immer wieder von anderen Wissenschaftern zitiert.
Zum Abschluss dankte der Präsident den Teilnehmern am Paracelsustag für ihr Erscheinen, ganz besonders aber Frau Gertraud Weiß, die sich wieder mit besonderer Sorgfalt und Liebe der äußeren Gestaltung angenommen hatte. Kuchen, Brötchen und Süßigkeiten sowie Kaffee, Tee und Fruchtsäfte, die in den Pausen allen Teilnehmern zur Verfügung standen, hatten auch wesentlich zum guten Ablauf der Tagung und zum intensiven Gedankenaustausch beigetragen.
In seinen Gedenkworten am Paracelsus-Grab befasste sich SR Dr. Peter F. Kramml, der Direktor des Salzburger Landesarchivs, mit den Verbindungen des Paracelsus zum Bruderhaus St. Sebastian und legte den Zuhörern die Bedeutung dieser nach dem Bürgerspital wichtigsten sozialen Einrichtung der Stadt dar. Auch das große Interesse, welches das Grab des Hohenheimers auf sich zog, wurde anhand neuer Forschungsergebnisse vorgeführt. Damit nahmen die Gedenkworte durchaus den Rang eines eigenen Vortrags ein, auf dessen Veröffentlichung im nächsten Band der Salzburger Beiträge man gespannt sein darf. Der Paracelsustag klang wie üblich mit einem Abend im Restaurant Stadtkrug in der Linzergasse aus.
Am Sonntag, 26. Oktober 2008, führte der Präsident eine Schar interessierter Mitglieder zu besonderen historischen Stätten in Salzburg. Nach einem kurzen Rundgang auf dem Residenzplatz, wo noch die archäologischen Untersuchungen liefen, und zum Waagplatz als der Keimzelle des bürgerlichen Lebens in der Stadt, besuchte man den Toskanatrakt der Residenz, in dem die Juridische Fakultät der Universität untergebracht ist. Die Freilegung der Sala terrena, die anlässlich der Adaptierung für die Zwecke der Universität erfolgte, förderte längst verloren geglaubte Kunstschätze zu Tage. Neben den schönen Säulen, die zuvor in den Zwischenwänden eingemauert waren, wurden auch erstrangige manieristische Deckenmalereien freigelegt und konserviert. Eine kunsthistorische Sensation stellt die Entdeckung der Landkartengalerie im zweiten Obergeschoss dar. Obwohl die über den Landkarten angeordneten Ansichten der Städte teilweise zerstört sind, kann die Galerie selbst durchaus mit den vergleichbaren Kunstwerken im Vatikan und in Florenz mithalten. Da der Raum als Lesesaal für die Fakultätsbibliothek der Juristen gewidmet ist und am Sonntag kein Studienbetrieb herrscht, konnten alle Teilnehmer die Galerie in Ruhe besichtigen.
Der weitere Weg führte in die Stiftskirche von St. Peter, durch den Petersfriedhof und schließlich hinaus zum Kloster Nonnberg. Man gedachte des dort bestatteten Paracelsusforschers, P. Idelfons Betschart und bewunderte die romanischen Fresken unter der Empore der Klosterkirche. Über die Nonnbergstiege ging es zurück in die Kaigasse, wo die kleine Exkursion, die durch besonders schönes Wetter begünstigt war, ausklang.
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