Auch in diesem Jahr beklagt die Internationale Paracelsus-Gesellschaft wieder das Hinscheiden eines ihrer treuesten Mitglieder. Karl-Heinz Weimann gehörte ihr über ein halbes Jahrhundert hindurch an. Seit 1954 reiste er zu fast allen jährlichen Tagungen im Herbst nach Salzburg. Mit seinem kommunikativen Wesen trug er stets bei zur freundschaftlichen Stimmung der Paracelsustage. Mit Karl-Heinz Weimann besaß die IPG einen Paracelsus - Gelehrten von hohem Rang. Seine Dissertation „Die deutsche medizinische Fachsprache des Paracelsus" mit der er 1951 an der Universität Erlangen promovierte - sie erhielt das Prädikat „summa cum laude" - eröffnete gleichsam die sprachgeschichtliche Forschung am Gesamtwerk des Hohenheimers. Der Titel signalisierte zugleich das interdisziplinäre Engagement ihres Autors. In Berlin - Neukölln geboren, studierte K.-H. Weimann nach dem Kriegsende zunächst an der Humboldt - Universität, um später dann nach Erlangen zu gehen. Im „Jahrbuch der Deutschen Bibliotheken 1965" nennt er als seine Studienfächer: Germanistik, Anglistik, Geschichte, Philosophie und Medizin.
1952 wurde er in Marburg an der Lahn Mitarbeiter von Professor Dr. Kurt Goldammer bei der Fortführung der von Karl Sudhoff begonnenen Herausgabe sämtlicher Werke des Paracelsus. Die gigantische Überlieferung der Theologica, - auf 14 Bände veranschlagt -, galt es aus den Manuskripten, die in den verschiedensten Bibliotheken Europas ruhten, zu erschließen und wissenschaftlich mit zwei Apparaten zu publizieren. Ein Jahrzehnt lang wirkte Karl-Heinz Weimann mit großem Fleiß in den Arbeitsräumen der Bibliothek der Philipps-Universität. Die bislang erschienenen Bände der Ausgabe der Theologica (U-VII, 1955 -1986) basieren wesentlich auf seinen philologischen und überlieferungsgeschichtlichen Studien. In sämtlichen Vorworten zu den sechs Bänden wird sein Name genannt. Auch für die zu erwartenden weiteren elf Bände leistete er wertvolle Vorarbeit. Die bis 1962 dauernde Dekade seiner intensiven Arbeit am Werk des Paracelsus in Marburg gebührt das Epitheton ornans: „Ära Weimann". Früchte der Marburger Zeit sind u. a. auch die 1963 erschienene „Paracelsus - Bibliographie 1932-1960" mit ihrem angeschlossenen „Verzeichnis neu entdeckter Paracelsus - Handschriften (1900-1960)" sowie mit der Studie „Paracelsus in der Weltliteratur" (erschienen in der Germanisch - Romanischen Monatsschrift 42- N. F. 11, 1961, S. 241-274) wurde die Erforschung des Erbes des Hohenheimers grundlegend gefördert.
1962 wechselte Karl-Heinz Weimann nach Hannover, wohin ihn der Direktor der Niedersächsischen Landesbibliothek Dr. Wilhelm Totok berufen hatte. Hier bot sich dem intensiv mit dem literarischen Erbe des Paracelsus beschäftigten, universal denkenden Gelehrten nun ein weitausgreifenden Arbeitsfeld, denn diese Bibliothek mußte erst noch erbaut werden. Es heißt: „Totok und Weimann haben bei der Ausführung des Aufbauplans auf das Fruchtbarste zusammengearbeitet....Mit nie versagendem diplomatischen Geschick konnte Wilhelm Totok den Neubau, der eigentlich schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts nötig gewesen wäre, endlich durchsetzen. Die Einzelheiten wurden aber maßgeblich von Karl-Heinz Weimann bestimmt....Hier aber lief alles glücklich ab. Als Grundlage der Planung hatte Karl-Heinz Weimann ein Raumprogramm erarbeitet, wie man es nach einer Äußerung aus dem zuständigen Hochbauamt dort noch niemals gesehen hatte. Raum für Raum war in seiner Bedeutung beschrieben und nach dem Vergleich mit anderen Bibliotheken die nötige Größe angegeben; das Ganze war ein richtiges Buch." (Zeitschrift für Bibliothekswesen 49 (2002), 4, S. 249 f.). Deshalb erscheint Karl-Heinz Weimann mit dem Bau der Niedersächsischen Landesbibliothek als Schöpfer eines Kosmos der Bücher.
Zu den Aufgaben des als Architekten fungierenden Bibliothekars in Hannover zählte a«eh die sichere Ausgestaltung der Räume für die dort aufbewahrten Dokumente des Leibniz – Nachlasses, über dessen wissenschaftliche Nutzung er zu befinden hatte. - Dazu amtierte Karl-Heinz Weimann als Dozent bei der Ausbildung des bibliothekarischen Nachwuchses. Seine Liebe zur Geistesgeschichte und Kultur ließ ihn 1975 eine „Bibliotheksgeschichte" veröffentlichen. Dem auch das Bibliothekswesen revolutionierende Einzug des Computers bahnte er früh den Weg den Weg. Seine Schrift „Der Bildschirmkatalog (OPAC) der Niedersächsischen Landesbibliothek - Eine Einführung für Computer - Anfänger, Senioren und fröhliche Computer - Muffel" erschien in 2. Auflage 1997 in Hannover. Damals währte sein Ruhestand bereits zehn Jahre.
Von Herzen dankbar bin ich meinem Freund Karl-Heinz Weimann für unendlich viele geschichtliche Belehrungen, die mir u. a. auf vielen gemeinsamen Reisen durch Deutschland und Österreich aus seinem reichen historischen Wissensschatz detailliert zuteil wurden. -
Paracelsus tröstet nun: „Also ist der Menschen Gebäu nichts als ein Steinhaufen. Und all
ihr Tempel und Kirchen und die Ding werden zergehn. Allein der Tempel, in dem Gott
wohnet, der bleibt: das ist der Mensch." (2. Matthaeus - Kommentar, 170a. In: Paracelsus,
Vom Licht der Natur und des Geistes, ed. Kurt Goldammer unter Mitwirkung von Karl-Heinz Weimann, Stuttgart 1960, S. 188.
Michael Bunners
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